Neulich erzählte mir eine Bekannte von ihrem Mann. Sie liebe ihn sehr, sagte sie mir. Gleichzeitig bringe er sie regelmässig zur Verzweiflung, weil er immer und überall zu spät komme. Und dabei sei ihr Pünktlichkeit doch so extrem wichtig. Sie schilderte Momente, in denen sie innerlich regelrecht schäume, sich ärgere und sich frage, wie lange sie das noch aushalten wolle. Und dann sagte sie, dass sie sich fast schon schämen würde für diese Gedanken, weil sie ihren Mann doch über alles liebe, ihn schätze und total gerne mit ihm zusammen sei.
Vielleicht kommt dir das ja bekannt vor und eventuell hast du vergleichbare Situationen in deinem Leben. Liebe und Ärger, Nähe und Frustration, Wertschätzung und Genervtsein liegen manchmal viel näher beieinander als uns lieb ist. Genau in solchen Situationen kann sich zeigen, wie schwierig es ist, Widersprüche auszuhalten. Dabei kommt eine wichtige Fähigkeit ins Spiel, die in der Psychologie Ambiguitätstoleranz heisst.
Was bedeutet Ambiguitätstoleranz eigentlich?
Der Begriff klingt zunächst recht sperrig, beschreibt aber etwas, das uns im Alltag immer wieder begegnet.
- Ambiguität bedeutet Doppel- oder Mehrdeutigkeit. Ein klassisches Beispiel aus der Sprachwissenschaft: «Ich sah den Mann mit dem Fernglas.» Das kann sowohl bedeuten, dass ich den Mann durch ein Fernglas angeschaut habe oder dass der Mann ein Fernglas bei sich trug. Diese Ambiguität gibt es nicht nur in der Sprache, sondern in ganz vielen alltäglichen Situationen.
- Toleranz leitet sich vom lateinischen Wort tolerare ab, was wir am besten mit erdulden oder ertragen übersetzen können.
- Ambiguitätstoleranz beschreibt also die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Widersprüchen und offenen Fragen umzugehen und sie auszuhalten, ohne vorschnell nach einfachen Antworten oder Lösungen zu greifen.
Im Alltag begegnet uns das häufiger, als wir denken. Beispielsweise dann, wenn wir Hoffnung, aber gleichzeitig auch Zweifel empfinden, oder wenn wir eine Entscheidung treffen, die sich gleichzeitig richtig und falsch anfühlt, oder wenn wir wie oben beschrieben einen Menschen lieben und uns dennoch über ihn ärgern. Viel Ambiguitätstoleranz ist auch dann nötig, wenn wir uns in einer Lebensphase befinden, in der noch nicht klar ist, wohin unser Weg uns führen soll.
Warum Unsicherheit uns so stark herausfordert
Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Muster zu erkennen, um die bestmöglichen Vorhersagen treffen zu können. Wenn wir Klarheit spüren, vermittelt uns das Sicherheit. Wenn etwas eindeutig ist, gibt es uns das Gefühl, Kontrolle zu haben. Ganz anders bei Mehrdeutigkeit. Mehrdeutigkeit fordert die meisten Menschen heraus. Denn sie verlangt von uns, dass wir widersprüchliche Informationen aushalten und darüber hinaus mit offenen Fragen leben. Keine Bange, wenn dir das schwerfällt. Aus psychologischer Sicht ist das hoch anspruchsvoll, weil Unsicherheit Energie kostet. Unser inneres System sucht permanent nach Orientierung, nach festen Antworten, nach Lösungen. Das ist auch der Grund dafür, weshalb viele Menschen versuchen, die Ambiguität möglichst schnell zu beenden. Das kann dazu führen, dass vorschnelle Entscheidungen getroffen oder zu einfache Erklärungen gefunden werden. Manche Menschen halten auch stur an ihren Gewissheiten und Überzeugungen fest, selbst dann, wenn sie einen nicht wirklich weiterbringen. Wichtig: das liegt nicht daran, dass wir unvernünftig wären, sondern weil wir schlicht auf der Suche nach Stabilität und Eindeutigkeit sind.
Warum Ambiguitätstoleranz heute wichtiger ist denn je
Vielleicht war die Sehnsucht nach Klarheit noch nie so gross wie heute. Schliesslich leben wir in einer vielschichtigen, widersprüchlichen und extrem komplexen Welt. Wir werden mit Informationen geflutet, politische Entscheidungen werden im Minutentakt gefällt, gesellschaftliche Umbrüche sind an der Tagesordnung. Auch persönliche Lebenswege sind weniger vorgezeichnet als in der Vergangenheit. Unsere Entscheidungen betreffen nicht nur das Heute, sondern auch eine ungewisse Zukunft. Wir sind konfrontiert mit beruflichen Veränderungen, neuen Lebensmodellen, einer Vielzahl an Möglichkeiten und dabei ist ganz wenig wirklich eindeutig.
Auf der einen Seite klingt das nach Freiheit, auf der anderen bedeutet das mehr Unsicherheiten. Und genau da wird Ambiguitätstoleranz zu einer wichtigen Ressource. Sie hilft uns, mit offenen Fragen zu leben, ohne uns davon überwältigen zu lassen. Sie erlaubt uns, Entwicklungen Zeit zu geben und sie schützt uns davor, vorschnell Antworten zu erzwingen, die sich später als unpassend erweisen.
Lebensübergänge als Schule der Ambiguität
In meinem letzten Blogbeitrag habe ich von Lebensübergängen gesprochen und davon, wie diese gelingen können. Gerade in Umbruchszeiten ist Ambiguitätstoleranz von besonderem Wert. Denn immer dann, wenn sich etwas verändert, steht ein Mensch zwischen zwei Welten. Das Alte ist nicht mehr ganz da und das Neue noch nicht vollständig sichtbar. Begleitet werden diese Phasen von widersprüchlichen Gefühlen wie z.B. Erleichterung und Trauer, Aufbruch und Angst oder Neugier und Zweifel.
Zugegebenermassen kann das sehr verwirrend sein, aber gleichzeitig ist es auch völlig normal. Denn Lebensübergänge sind per Definition mehrdeutig. Sie enthalten Abschied und Neubeginn zugleich. Sie verlangen Geduld von uns und die Bereitschaft, das „Dazwischen“ auszuhalten. Je besser wir mit dieser Mehrdeutigkeit umgehen können, desto stabiler erleben wir solche Übergänge.
Ambiguitätstoleranz wachsen lassen
Ob Ambiguitätstoleranz eine feste Persönlichkeitseigenschaft ist oder ob sie lern- und damit auch trainierbar ist, konnte die Wissenschaft bisher nicht abschliessend klären. Was sich jedoch zeigt: Menschen entwickeln mehr Sicherheit im Umgang mit Mehrdeutigkeit vor allem durch Erfahrung. Wer sich Situationen aussetzt, in denen nicht alles sofort lösbar ist, kann erleben, dass man diese Spannung aushalten kann.
Vielleicht sollten wir öfter mal…
… Widersprüche stehen lassen
Nicht jede Situation braucht sofort eine glasklare Antwort. Manches darf seine Zeit brauchen oder sogar offenbleiben.
… Gefühle nebeneinander zulassen
Es ist möglich, gleichzeitig traurig und erleichtert zu sein oder unsicher und hoffnungsvoll.
… den Druck zur schnellen Lösung reduzieren
Nicht jede uneindeutige Situation muss sofort beendet oder beseitigt werden. Manches klärt sich mit der Zeit.
… uns das Folgende klarmachen
Ambiguitätstolerant zu sein bedeutet nicht, dass man die Unsicherheit und die Uneindeutigkeit plötzlich lieben muss. Aber es bedeutet, damit leben zu können.
Wenn du gerade mit Unsicherheit lebst
Manche Phasen im Leben sind klar und überschaubar, andere wiederum sind geprägt von Fragen, Widersprüchen und vielen Weggabelungen. Wenn du dich gerade in einer solchen Phase befindest, bist du damit nicht alleine. Früher oder später erlebt das jeder Mensch in seinem Leben. Unsicherheit ist übrigens kein Zeichen von Schwäche, sondern manchmal der Hinweis darauf, dass sich etwas entwickelt oder entwickeln möchte. Manchmal hilft es, diese Zeit nicht alleine durchzustehen, sondern sich einen begleiteten Rahmen für die Reflexion der eigenen Gefühle zu suchen.
In meinem Coaching begleite ich Menschen dabei, mit Unsicherheit umzugehen, Veränderungen zu verstehen und ihren eigenen Weg Schritt für Schritt klarer zu sehen. Wenn du dir eine solche Begleitung wünschst, melde dich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch.