Ein Einblick in meine Tätigkeit als Trauerrednerin, in der ich Menschen in Zeiten des Abschieds begleite und in der Erkenntnis, dass der Abschied nicht erst bei der Trauerfeier beginnt.
Ich lebe in Frauenfeld im Thurgau und begleite als Trauerrednerin Menschen in der ganzen Schweiz und darüber hinaus.
Wo lernen wir das Sterben?
Diese Frage hat mir vor kurzem eine Frau gestellt, die ihren Partner in seinen letzten Lebenswochen begleitete. Er war schwer erkrankt und sie pflegte ihn zu Hause. Immer wieder war ich bei beiden zu Besuch und konnte viel mit ihnen reden.
Diese eine Frage ist mir besonders geblieben und ich stelle sie mir selbst: Ja, Katrin, wo lernen wir das Sterben?
Eine schnelle Antwort konnte und kann ich darauf nicht geben. Wenn wir ehrlich sind, dann lernen wir so vieles im Leben (Nötiges und Unnötiges), aber kaum jemand sagt uns oder macht uns vor, wie Sterben und Abschiednehmen gehen.
Dazu kommt, dass in vielen westlichen Gesellschaften – so auch bei uns – das Sterben aus dem Blickfeld der meisten Menschen verschwunden ist. Es findet oft im Krankenhaus oder in palliativen Einrichtungen statt und im Alltag haben wir wenige Berührungspunkte damit. Der Tod wird outgesourct.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war das anders. Menschen starben häufiger zu Hause und wurden dort aufgebahrt. Verwandte und Bekannte, Freunde und Nachbarn kamen, um sich zu verabschieden. Wenige Tage später war das halbe (oder ganze) Dorf oder Quartier auf den Beinen und bei der Trauerfeier anwesend. Der Tod war ein sichtbarer Teil des Lebens.
Schon als Kinder kamen viele Menschen in Berührung damit, und wurden im besten Fall dadurch befähigt, mit dem Thema umzugehen. Heute fehlt vielen von uns schlicht die Erfahrung damit. Ich habe schon oft mit Menschen gesprochen, die mir anvertrauten, dass sie sich davor fürchten würden, einen toten Menschen zu sehen. Oder dass sie nicht wissen, was sie einem trauernden Menschen sagen sollten. All das trägt dazu bei, dass sich viele von uns mit dem Thema sehr schwertun.
Wenn ein Mensch seinen Abschied mitgestaltet
Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, dass Menschen ganz intuitiv einen eigenen, sehr persönlichen Weg im Umgang mit dem Sterben finden. So auch bei dem Paar, von dem ich eingangs erzählt habe.
Was mich da besonders berührt hat, war der Wunsch des Sterbenden, seine eigene Trauerfeier mitgestalten zu wollen. Wir haben mehrere Gespräche geführt und ich habe gespürt, wie wichtig es ihm ist, dass diese Feier zu ihm passt. Und ich hatte auch das Gefühl, dass es ihm gutgetan hat, frei mit jemandem zu reden, der sich nicht «gedrückt» und nicht abgeblockt, sondern die Tatsache anerkannt hat, dass er in wenigen Wochen nicht mehr leben wird.
Wir konnten einige Gedanken austauschen und Wünsche festhalten:
- Wie soll dein Lebenslauf zur Geltung kommen?
- Wie machen wir es mit der Musik?
- Gibt es lyrische Texte oder Geschichten, die dir gefallen?
- Wer soll deine Urne tragen?
- Hast du die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod? Oder irgendeine Vorstellung, was kommen könnte? Soll das bei der Zeremonie eine Rolle spielen?
- Welche Botschaft soll deine Feier haben?
Dabei ging es nie darum, eine perfekte Feier aufzugleisen, sondern darum, dass seine Wünsche platziert wurden, die wir später auch so umgesetzt haben.
Die Trauerfeier – eine persönliche Sache
Eine Trauerfeier darf – ja sollte – persönlich sein. Viele Menschen wissen gar nicht, wie viel Gestaltungsspielraum es in der heutigen Zeit bei einer freien Trauerfeier gibt. Viele Wünsche und Ideen können umgesetzt werden. Als Trauerrednerin bringe ich ins Trauergespräch immer auch Vorschläge mit und entwickle sie mit den Angehörigen weiter.
Je persönlicher eine Trauerfeier ist, umso mehr Raum kann sie geben für:
- Persönliche Erinnerungen und gemeinsame (Lebens)Geschichten
- Leise, stille Momente
- Ein kleines Lächeln zwischendurch
- Heilsame Tränen
- Musik, die etwas bedeutet und Emotionen hervorruft
- Dankbarkeit für das, was war
Denn ein Abschied darf nicht nur den grossen Verlust zeigen, den die Trauernden erleiden, sondern auch die Fülle und Schönheit des Lebens, das davor war.
Meine Rolle als Trauerrednerin
In dieser Zeit sehe ich meine Aufgabe darin, Trauernde zu begleiten und zu einer Stütze zu werden. Bei mir dürfen die verschiedensten Erinnerungen ihren Platz haben – die schönen wie die herausfordernden. Bei mir kann man jede erdenkliche Frage stellen und sich jederzeit melden. Bei mir darf man sich Zeit nehmen, die richtigen Worte zu finden, und Anliegen und Wünsche zu platzieren. Und manchmal halte ich gemeinsam mit Angehörigen auch einfach nur die Stille aus, wenn Worte zu schwach werden.
Aus all den Begegnungen mit Angehörigen oder sogar mit dem Sterbenden selbst (wie in dem Fall, von dem ich oben erzählt habe), nehme ich ganz viele Stimmen, Gefühle, Eindrücke, Erinnerungen und Fragmente mit. Diese füge ich später an meinem Schreibtisch zu einem grossen Ganzen, zu einer stimmigen und würdevollen Zeremonie zusammen.
Ich stelle mir dabei immer vor, was der verstorbene Mensch empfinden würde, wenn er zwischen den Trauergästen an seinem Grab stünde oder in der Trauergesellschaft in der Kapelle oder Aufbahrungshalle sässe. Würde er mir zunicken mit einem Lächeln auf den Lippen oder würde sich seine Stirn in stillem Unverständnis kräuseln: „Wo bin ich hier gelandet?“
Und genau daran messe ich jede Zeremonie aus meiner Feder: Sie soll dem Menschen gerecht werden, von dem wir Abschied nehmen und sich für diejenigen, die zurückbleiben, stimmig und echt anfühlen.
Fazit: Können wir Sterben lernen?
Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage nicht ganz eindeutig. Ich denke, wir können es nur bedingt lernen. Denn jeder Abschied ist anders.
Manchmal bleibt Zeit, sich vorzubereiten, Worte zu finden und gemeinsam zurückzublicken. Und manchmal kommt das Sterben plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne die Möglichkeit, sich bewusst zu verabschieden.
Und doch glaube ich, dass wir als (Mit-)Menschen etwas lernen können: Nicht, wie man „richtig“ stirbt oder Abschied nimmt, aber vielleicht wie wir uns vorsichtig dem Thema annähern. Wie wir Worte füreinander finden, auch wenn sie unvollkommen sind. Wie wir dableiben, anstatt uns zurückzuziehen.
Wir sollten uns nicht abhalten lassen, mit sterbenden oder trauernden Menschen in Kontakt zu treten und zu bleiben, auch wenn wir uns dabei unbeholfen fühlen. Lieber ein unsicherer Satz, ein leiser Versuch, als gar kein Kontakt aus Angst, etwas falsch zu machen.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, das Sterben zu lernen, sondern darum, einander in diesen Momenten nicht auszuweichen.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie wertvoll es ist, wenn Menschen den Mut finden, hinzuschauen und füreinander da zu sein, gerade dann, wenn die Worte fehlen.
Mehr über meine Arbeit als Trauerrednerin erfahrt ihr hier: Freie Trauerfeiern mit Leben hoch 3
Wenn ihr euch eine persönliche Begleitung für einen Abschied wünscht, bin ich gerne für euch da. Meldet euch gerne für ein unverbindliches Kennenlerngespräch bei mir.
