Vor einiger Zeit sass ein Klient bei mir im Coaching. Er befand sich in einer Situation, die ihn emotional stark belastete. Seit Wochen wartete er auf ein Ereignis, das für ihn von grosser Bedeutung war. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand. Informationen eingeholt, Gespräche geführt, Entscheidungen getroffen und sich so gut wie möglich vorbereitet. Doch das, was nun kommen sollte, lag ausserhalb seines Einflussbereichs. Ihm blieb am Ende nur eines. Warten. Er sagte dann zu mir: „Das Verrückte ist, dass ich genau weiss, dass ich gerade nichts mehr tun kann. Aber genau das macht mich fast wahnsinnig.“ Ich konnte ihn gut verstehen und ich glaube, dieses unangenehme Gefühl, dass wir einer Situation ohnmächtig ausgeliefert sind, kennen wir alle.

Warum sich Ohnmacht so schwer anfühlt

Aus psychologischer Sicht haben wir Menschen ein grundlegendes Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstwirksamkeit. Der Psychologe Albert Bandura beschrieb Selbstwirksamkeit als die Überzeugung, Herausforderungen mit den eigenen Fähigkeiten bewältigen und durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeit vertrauen darauf, auch schwierige Situationen aktiv gestalten und beeinflussen zu können. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit gibt uns Sicherheit, Orientierung und Vertrauen. Ohnmacht hingegen entsteht häufig dann, wenn genau dieses Gefühl untergraben wird. Wir erleben, dass wir trotz aller Anstrengung nicht beeinflussen können, was geschieht. Das bedeutet nicht zwingend, dass wir tatsächlich völlig machtlos sind. Oft bedeutet es vielmehr, dass wir an eine Grenze unserer Einflussmöglichkeiten gelangen. Und genau diese Grenze auszuhalten, ist schwer.

Wenn wir gegen die Realität kämpfen

In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder ein Muster. Wir Menschen leiden häufig nicht nur unter schwierigen Situationen, sondern auch darunter, dass wir die Situation nicht akzeptieren können oder wollen. Das ist mehr als verständlich! Wer einen geliebten Menschen leiden sieht, möchte helfen. Wer eine Trennung erlebt, möchte sie vielleicht rückgängig machen. Wer vor einer grossen Veränderung steht, möchte Sicherheit. Wer erkrankt ist, möchte gesund sein. Doch manchmal richtet sich die Realität nicht nach unseren Wünschen. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Wunsch, zwischen dem was ist und was sein sollte, tut weh und kostet enorm viel Energie.

Das Konzept der radikalen Akzeptanz

Die Psychologin Marsha Linehan entwickelte ein Konzept, das Menschen helfen kann, die sich in einer solchen Situation wiederfinden. Sie spricht von „radikaler Akzeptanz“. Damit ist nicht gemeint, etwas gutzuheissen oder über etwas hinwegzusehen. Radikale Akzeptanz bedeutet vielmehr, die aktuelle Realität anzuerkennen, ohne sie zu bewerten oder gegen das Unveränderliche anzukämpfen, auch wenn alles schmerzhaft, ungerecht oder unerwünscht erscheint. Die „radikale Akzeptanz“ verfolgt das Ziel, unnötiges Hadern zu stoppen und Schmerzhaftes dadurch nicht noch zu vergrössern. Denn erst wenn wir aufhören, gegen unveränderliche Tatsachen anzukämpfen, können wir unsere Energie wieder dort einsetzen, wo wir tatsächlich Einfluss haben.

Was hilft, wenn wir uns ohnmächtig fühlen?

  1. Den eigenen Gefühlen Raum geben

Ohnmacht löst oft starke Emotionen aus: Angst, Wut, Trauer oder Verzweiflung. Viele Menschen reagieren darauf und wollen diese Gefühle möglichst schnell loswerden oder sich davon ablenken. Doch Gefühle lassen sich nur begrenzt wegdrücken. Häufig melden sie sich später umso deutlicher zurück. Deshalb ist es hilfreich, die eigenen Emotionen wahr- & ernst zu nehmen und ihnen angemessenen Raum zu geben. Sei auch mal traurig, sei wütend, sei verzweifelt! Klar, Gefühle lösen das Problem nicht. Sie können uns jedoch helfen zu verstehen, warum uns eine Situation so beschäftigt, belastet oder berührt. Wer seine emotionalen Reaktionen ernst nimmt, kann Erfahrungen oft besser einordnen und verarbeiten. Gerade bei Erfahrungen von Ohnmacht kann das ein wichtiger Schritt sein, um einen konstruktiven Umgang mit dem Unveränderlichen zu entwickeln.

  1. Die eigenen Handlungsspielräume wahrnehmen

Fühlen wir uns ohnmächtig, dann richten wir unseren Blick oft auf das, was wir nicht verändern können. Dadurch geraten die Bereiche leicht aus dem Fokus, in denen wir weiterhin Einfluss haben. Gerade in belastenden Situationen kann es deshalb hilfreich sein, die Aufmerksamkeit bewusst auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu lenken. Diese müssen nicht gross sein. Manchmal besteht der nächste Schritt darin, ein Gespräch zu führen, Unterstützung anzunehmen, für die eigene Gesundheit zu sorgen oder sich eine bewusste Pause zu gönnen.

Solche Handlungen verändern nicht zwangsläufig die Situation selbst. Sie können jedoch das Erleben der Situation verändern. Denn sie erinnern uns daran, dass wir trotz aller Begrenzungen nicht vollständig handlungsunfähig sind. Psychologisch betrachtet stärken solche Erfahrungen das Gefühl von Selbstwirksamkeit – also das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, auch unter schwierigen Umständen handlungsfähig zu bleiben.

  1. Unterstützung annehmen

Ohnmacht wird häufig als etwas sehr Einsames erlebt. Viele Menschen ziehen sich zurück, wenn sie sich hilflos, überfordert oder orientierungslos fühlen. Dabei ist gerade in solchen Phasen soziale Verbundenheit ein wichtiger Schutzfaktor. Psychologische Forschung zeigt, dass unterstützende Beziehungen wesentlich dazu beitragen können, Belastungen zu bewältigen und emotionale Stabilität aufrechtzuerhalten. Andere Menschen können dabei helfen, die eigene Situation einzuordnen, neue Perspektiven zu entwickeln und schwierige Gefühle mitzutragen. Gerade dann, wenn wir selbst keinen klaren Ausweg sehen, kann das Gespräch mit einer vertrauten Person oder eine professionelle Begleitung dabei unterstützen, den eigenen Handlungsspielraum wieder bewusster wahrzunehmen oder sich in radikaler Akzeptanz zu üben.

Die paradoxe Kraft der Ohnmacht

Vielleicht liegt eine der grössten Herausforderungen des Lebens darin, zu unterscheiden, was wir verändern können und was nicht. Ohnmächtig zu sein erinnert uns daran, dass wir begrenzte Wesen sind. Dass wir nicht alles kontrollieren, verhindern oder beeinflussen können. Das kann schmerzhaft sein, besonders dann, wenn wir mit Situationen konfrontiert sind, die uns wichtig sind und für die wir Verantwortung empfinden.

Gleichzeitig entsteht genau hier eine zentrale Einsicht: Unsere Einflussmöglichkeiten sind real, aber sie sind begrenzt. Und oft wird erst in solchen Momenten deutlich, wo diese Grenze verläuft.

In gewisser Weise lässt sich das Leben mit einer Fahrt auf einem Fluss vergleichen. Wir können das Boot steuern, wir können entscheiden, wie wir reagieren, wie aufmerksam wir sind und wie wir mit Strömungen umgehen. Aber wir bestimmen nicht immer die Stärke der Strömung, nicht jede Biegung des Flusses und nicht jedes Hindernis, das auftaucht. Manchmal trägt uns das Wasser sanft, manchmal kraftvoller, als uns lieb ist. Was bleibt, ist unsere Art, uns darin zu bewegen.

Vielleicht beginnt neue Kraft deshalb nicht dort, wo wir mehr Kontrolle gewinnen. Sondern dort, wo wir akzeptieren, dass wir nicht alles kontrollieren können. Wer aufhört, gegen das Unveränderliche anzukämpfen, verliert nicht zwangsläufig Einfluss. Oft gewinnt er die Energie zurück, die zuvor im Widerstand gebunden war. Und genau darin liegt die paradoxe Kraft der Ohnmacht: Sie konfrontiert uns mit unseren Grenzen und kann uns gleichzeitig zeigen, wo unsere tatsächlichen Möglichkeiten liegen.

Wenn du dich gerade ohnmächtig fühlst

Vielleicht gibt es in deinem Leben gerade eine Situation, in der du dich ohnmächtig fühlst. Vielleicht trägst du Verantwortung für etwas, das du nicht lösen kannst. Oder du stehst vor einer Herausforderung, auf die es keine einfache Antwort gibt. Dann möchte ich dir sagen: Du musst diese Last nicht allein tragen. In meinem Coaching begleite ich Menschen dabei, schwierige Lebenssituationen zu sortieren, neue Perspektiven zu entwickeln und ihren eigenen Handlungsspielraum wiederzuentdecken. Ein Gespräch verändert meist nicht die Situation, aber es kann verändern, wie wir ihr begegnen. Buche gerne ein unverbindliches Erstgespräch.

 

 

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