Ende des vergangenen Jahres habe ich nach 15 Jahren als Seelsorgerin meine sichere Arbeitsstelle gekündigt, um mich komplett selbstständig zu machen. Es fühlt sich richtig an und aufregend, befreiend und voller Möglichkeiten. Aber ganz ehrlich, da sind auch Zweifel, Ängste und Unsicherheiten.
Auf unseren Lebenswegen geraten wir immer wieder in diese krassen Spannungsfelder, dass wir etwas Altes aufgeben wollen oder müssen und in die Ungewissheit gehen. Das sind herausfordernde Zeiten, weil alte Strukturen nicht mehr tragen, und neue noch nicht gefestigt sind. Unsere gewohnten Rollen oder Selbstbilder lösen sich auf und wir haben noch keine neuen entwickelt und wir müssen es aushalten, uns für eine gewisse Zeit im «Dazwischen» zu bewegen. In der Psychologie werden solche Phasen als Übergangs- oder Transformationsprozesse beschrieben, als Zeiten, in denen sich unser inneres System neu organisiert.
Warum Veränderungen im Leben so fordernd sind
Veränderungen betreffen meist unsere äusseren Umstände, immer aber unsere innere Ordnung. Und das strengt an.
1. Unsere Identität verändert sich
Unser Selbstbild entsteht im Laufe der Jahre nicht in einem luftleeren Raum. Vielmehr ist es eng verbunden mit unseren Rollen, Gewohnheiten und Beziehungen, die wir pflegen. Wir wissen massgeblich, wer wir sind, eben weil wir die Dinge tun, die wir tun. Weil wir in den Kontexten stehen, in denen wir stehen und weil wir auf eine bestimmte Weise von anderen Menschen wahrgenommen werden.
Wenn sich diese Grundlagen verändern, etwa durch den Verlust eines wichtigen Menschen, einer Trennung, eines neuen Lebensabschnitts oder wie bei mir durch einen Jobwechsel, dann gerät unser Selbstbild ins Wanken. Und das kann sich dann so anfühlen, als würden wir den inneren Halt kurzzeitig verlieren. Unsere Identität muss sich neu organisieren.
2. Verlust von Vorhersagbarkeit
Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, Muster zu erkennen und Vorhersagen zu treffen.
Deshalb liebt es Routinen, Gewohnheiten und klare Strukturen. Das löst in uns ein Gefühl von Sicherheit aus, weil sie die unberechenbare Welt ein bisschen berechenbarer machen.
In Lebensübergängen fällt ganz viel davon weg oder funktioniert nicht mehr zuverlässig. Ergo kann das Gehirn weniger antizipieren, was als Nächstes passiert. Das kann uns unsicher oder wachsamer machen. Sich während Veränderungen instabiler zu fühlen, ist keine Schwäche, sondern eine ganz natürliche Reaktion.
3. Erhöhte kognitive und emotionale Belastung
Übergangsphasen verlangen uns viel ab, weil mehrere Prozesse gleichzeitig stattfinden. Unsere Erfahrungen müssen neu eingeordnet werden. Wir müssen viele Entscheidungen fällen. Emotionen verändern sich oder werden intensiver. Das bedeutet, dass unser System auf Hochtouren arbeitet. Diese höhere Belastung kann sich ganz unterschiedlich äussern: innere Unruhe, Erschöpfung, Zweifel, ein Gefühl von Überforderung.
Auch das ist kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, sondern ein Zeichen dafür, dass wir uns in einem Anpassungsprozess befinden.
4. Veränderung verläuft nicht linear
Lebensübergänge folgen selten einem klaren, geradlinigen Verlauf. Vielmehr bewegen wir uns zwischen verschiedenen inneren Zuständen hin und her. Klarheit und Zweifel, Zuversicht und Unsicherheit geben sich die Klinke in die Hand. Was sich anfühlen kann wie ein Rückschritt, ist in Wirklichkeit ein wichtiger Teil des Prozesses.
Viele Menschen machen sich Druck, möglichst schnell wieder stabil zu sein und zu funktionieren. Doch innere Veränderung braucht Zeit. Nehmt euch diese Zeit! Wer sich bewusst macht, dass ein nicht-linearer Verlauf ganz normal ist, kann sich selbst und dem eigenen Prozess mit mehr Geduld und Verständnis begegnen.
Lebensübergänge bewusst gestalten – praktische Impulse
Manche Übergänge verdienen es, dass wir nicht einfach weitergehen, sondern sie ganz bewusst feiern. Eine Trauerfeier, die einen guten Abschied ermöglicht. Eine Willkommensfeier für ein Neugeborenes, das unsere Familie bereichert. Bewusste Momente, die uns verdeutlichen: Hier geht etwas zu Ende, hier beginnt etwas Neues. Klar, nicht jeder Übergang braucht eine eigene Zeremonie. Aber immer verdienen sie unsere Aufmerksamkeit. Sie verdienen, dass wir bewusst innehalten und hinschauen.
Vielleicht unterstützen dich dabei Fragen wie:
- Was verändert sich gerade tatsächlich in meinem Leben?
- Welche bisherigen Rollen, Gewohnheiten oder Annahmen darf ich loslassen?
- Welche Unsicherheiten gehören im Moment einfach dazu?
- Und wie möchte ich dem Neuen in meinem Leben begegnen, auch wenn vieles noch unklar ist?
Gönn dir genügend Zeit in deinen Lebensübergängen. Sei freundlich und nachsichtig mit dir, so wie du es mit deinem besten Freund oder deiner besten Freundin auch wärst.
Ja, wir leben in einer Welt, in der Stabilität und Klarheit sehr geschätzt werden. Veränderungen und Übergangsphasen wirken darin oft wie eine Störung oder als etwas, das möglichst schnell gelöst werden sollte. Dabei sind sie ein zentraler, wertvoller Bestandteil unserer persönlichen Entwicklung. Sie fordern uns heraus, Gewohntes zu hinterfragen, uns neu auszurichten, uns selbst neu zu begegnen und zu wachsen.
Wenn du dich gerade in einer Übergangsphase befindest
Manche Phasen lassen sich gut allein sortieren. Manchmal aber braucht man jemanden, der sie gemeinsam mit einem durchsteht. Wenn du merkst, dass dich eine Veränderung im Leben beschäftigt, herausfordert oder vielleicht sogar überfordert, musst du da nicht alleine durch.
In meinem Coaching begleite ich Menschen dabei, gewünschte Veränderungen herbeizuführen, herausfordernde Lebensübergänge durchzustehen und sich selbst neu auszurichten.
Wenn du dir eine klare und reflektierte Begleitung wünschst, melde dich gerne für ein unverbindliches Kennenlerngespräch bei mir.