«Ich funktioniere eigentlich ganz gut.» Diesen Satz bekomme ich in meiner Arbeit als Coach immer wieder zu hören. Ganz oft fällt er ziemlich am Anfang eines Gesprächs. Fast als müsste klargestellt werden, dass es eigentlich keinen Grund gibt, hier zu sitzen.
«Ich funktioniere ja!». Im Beruf läufts, mit der Familie so weit auch, man erledigt, was man zu tun hat. Und doch sitzt da ein Mensch vor mir, der spürt, dass da irgendwas nicht ganz stimmt.
Überlebensstrategie
Wenn ein solcher Satz fällt, werde ich hellhörig. Denn der Begriff «funktionieren» kommt aus der technischen Welt. Maschinen funktionieren, wenn sie das tun, wofür sie gebaut wurden. Wenn ein Mensch von sich behauptet, er würde funktionieren, dann höre ich oft etwas anderes mit:
- Ich halte durch.
- Ich reisse mich zusammen.
- Ich enttäusche niemanden.
- Ich komme klar.
- Ich erfülle Erwartungen.
- Ich bleibe stark.
Ganz ehrlich, zu funktionieren kann eine gute Überlebensstrategie sein; eine Fähigkeit, die uns durch herausfordernde Zeiten tragen kann, z.B. durch Prüfungen, Krisen und Phasen hoher Belastung.
Doch – und jetzt kommt das grosse «aber» – wenn Funktionieren zum Dauerzustand wird, wird es problematisch. Denn je mechanischer deine alltäglichen Abläufe werden, umso grösser ist die Gefahr, dass dir die Lebensfreude und emotionale Beteiligung abhandenkommen. Das kann dazu führen, dass deine psychischen (und körperlichen) Ressourcen nach und nach aufgebraucht werden. Ein Warnsignal dafür, dass deine Lebensqualität leidet und deine persönliche Erfüllung zur Nebensache wird.
Leben vs. Funktionieren
Vielleicht kennst du das aus eigener Erfahrung. Diese leise Müdigkeit, diese innere Distanz zum eigenen Leben, der Alltag, der läuft, aber nicht mehr wirklich berührt. Dann ist es Zeit, zu handeln.
Funktionieren hat viel mit Verantwortung zu tun. Mit Verlässlichkeit. Mit Stärke. Und das sind wertvolle Qualitäten. Doch wenn wir nur noch stark sind, verlieren wir den Zugang zu unserer Verletzlichkeit, zu unserer Freude, zu unserer Lebendigkeit.
Vielleicht geht es also nicht darum, das Funktionieren abzuschaffen. Sondern darum, zwischendurch mal zu pausieren. Momente, in denen du nicht leisten musst, sind unendlich kostbar. Begegnungen, bei denen du ehrlich sagen darfst, wie es dir wirklich geht, sind unbezahlbar. Entscheidungen, die nicht nur vernünftig sind, sondern dir auch eine neue Perspektive eröffnen, machen dein Leben reicher.
Ich werbe hiermit für:
- Mehr Mitgefühl statt Selbstkritik. Sei liebevoll mit dir, gönn dir auch einmal nicht perfekt zu sein und seh deine Erschöpfung als Einladung, Pause zu machen.
- Bewusste Pausen im Alltag. Integriere mehr Pausen in deinen Alltag. Schon kleine Momente zwischendurch, die dir keine Leistung abverlangen und natürlich auch grössere Auszeiten tun dir gut.
- Ernstnehmen deiner Bedürfnisse. Deine Bedürfnisse sind keine Störfaktoren. Sie sind vielmehr so etwas wie Leitplanken. Sie zeigen dir, was dir guttut – und was nicht. Sie wahrzunehmen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen, hat nichts mit Egoismus zu tun.
- Klare Grenzen. In manchen Momenten ganz bewusst «nein» zu sagen, hilft dabei, die Verantwortung und Belastung zu managen, die auf einem liegt.
Raus aus dem Autopilot-Modus
Zu funktionieren, sichert das Überleben. Aber wirklich lebendig zu sein gibt dem Leben Tiefe. Darum lohnt es, sich immer wieder zu fragen: Wo in meinem Alltag bin ich wirklich da und wo laufe ich nur auf Autopilot?
Und dann nimm dir hin und wieder einen solchen Autopilot-Moment und überlege: Was würde diesen Moment lebendig machen?
Sei mutig, sei frech. Trau dich auszubrechen.
- Nimm in Angriff, was du schon lange vor dir herschiebst. Ein Gespräch, ein Projekt, eine Entscheidung, die dir am Herzen liegt. Bestimmt kennst du das Gefühl, dass du dich hinterher fragst: warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht?!?
- Sag laut, was du denkst. Braucht erst mal viel Mut, aber hinterher kannst du garantiert stolz auf dich sein.
- Spreng deine Komfortzone. Tanz, wenn dir danach ist. Verreise in deine Lieblingsstadt, auch wenn niemand dich begleitet. Probiere etwas Neues aus, das dich herausfordert.
- Zeige dich. Zieh das bunte Kleid an, das schon so lange in deinem Schrank liegt. Lache so laut du möchtest. Sprich fremde Menschen an, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt.
Ganz bestimmt hast du auch eine eigene Idee, die dich aus dem Autopilot-Modus herausführt und dir das Gefühl gibt, wirklich und wahrhaftig am Leben zu sein.